Magdalena Fernandez, 2.2.pmTG010, Ortalis Ruficauda, 2010 (Still)

"Les Ă©chos de la nature"

Omar Alessandro - Magdalena Fernández - Colin Guillemet -
Pieter Laurens Mol - Ana Roldán - Martina Sauter

15.3.-17.4.2014
Vernissage Fr 14.3.2014, ab 18 Uhr

(for English version please scroll down)

annex14 freut sich mit dieser Gruppenausstellung die lose Reihe thematischer Präsentationen weiterzuführen.

„Les échos de la nature“ fragt nach der Präsenz und Bedeutung von „Natur“ in zeitgenössischen Kunstwerken. Natur und Kunst sind bekanntlich ein kontroverses Paar. Lange galt erstere der Kunst als Wegweiserin. Mimesis, Nachahmung der Natur, hiess der Begriff, dessen philosophische, ästhetische, kunst- und kulturtheoretische Überlegungen bis heute aktuell sind. Nicht aufzulösen ist dabei das Paradox, dass wenn wir von Natur reden, eben nur über Natur reden. Es bleibt bei Zuweisungen. Wir idealisieren, dekonstruieren, paraphrasieren, romantisieren oder kopieren sie. Das gilt für die ältere Kunstgeschichte wie auch dort, wo Natur direkt als Material verwendet wird. Etwa für die Land Art der 70er Jahre mit den von Richard Long in der Wildnis ausgelegten Steinkreisen. Es gilt für die 90iger Jahre, wo Damian Hirsts in Formaldehyd eingelegter Tigerhai das Publikum schockierte. Und es gilt für die Gegenwart. Stets wird Natur zum Zeichen, zur Metapher innerhalb eines umfassenden Zeichensystems mit dem die Welt, die Wirklichkeit repräsentiert, kommentiert und interpretiert wird.

Wie der Titel „Les Ă©chos de la nature“ vermuten lässt, steht hier nicht die Natur als Thema im Mittepunkt, sonder deren Widerhall als Metapher, als  Chiffre, als Symbol in unserer Gesellschaft und im Kunstkontext.
Colin Guillemets (*1979, F) „Rainbow", (2011) eine Serie von 7 Polaroid Fotos, sowie „The Parrot ist the Message", (2011) eine popfarbene Socke die auf einem dürren Ast sitzt, assoziieren einen bunten Strauss an Vorstellungen. Sie inszenieren die künstlerische Umsetzung als Zaubertrick, appellieren an die Phantasie des Publikums und machen es wie beiläufig zum Komplizen. Mit beinahe kindlicher Freud scheint der Künstler hier mit einfachen Handgriffen Naturphänomenen, Gemüse und Papageien eine kunst-philosophische Dimension einzuhauchen.

Ein Vogelnest ist da, um Eier auszubrüten. So jedenfalls pflegen es die Vögel zu tun. Ein leeres Nest im Kunstraum, dazu mit Glöckchen versehen, weckt vermutlich Sehnsucht nach Vogelgezwitscher, nach Wald und Wiesen. „Where I’m Calling From“ nennt Omar Alessandro (*1979, CH/I) das 2013 entstandene Werk und lässt dabei offen, wer wen woher ruft. Wer wen vermisst, sucht oder wer mit wem reden möchte. Anspielungen an Geborgenheit, Leere, Verlust und Verlorenheit könnte man auch bei Pieter Laurens Mol (*1946, NL) Fotografie „Berceuse", (1985) finden. Sehen wir doch ebenfalls ein leeres Vogelnest, aber auch orange aufgemalte Rechtecke, die in ihrem Kontrast zum Organischen weitere Bedeutungsschichten evozieren. Wie auch der Topf mit dem kümmerlichen Rosenstock unter dem Arm des Künstlers, der seinen Kopf gleichzeitig in der Efeuhecke versteckt. Steht in „Transfusion", (1984) der Topf für den Kopf und wenn ja, wie künstlich wären dann die Gedankenblüten, welche die menschliche Phantasie treibt? Die Beziehung von Zivilisation und Natur, auch in ihrer domestiziertesten Form ist nicht nur hier ein Thema. Auch in Ana Roldáns (*1977, MX/CH) „Withering Paradisiaca", (2013/14), die als kontemplative Arbeit gedacht ist, wird Natur, respektive scheinbar Natürliches zum gesellschaftlich vielschichtigen Zeichen. Da ist zum einen ein an sich natürlicher Prozess, das langsame Verwelken einer Bananenblüte, die wie ein Memento mori-Stilleben des Barock zum Nachdenken über die Vergänglichkeit einlädt. Zum andern kennen wir die Banane aus dem Supermarkt, aus einem Kontext, der unweigerlich gewinnoptimierte Nahrungs- und Wirtschaftssysteme ins Gedankenspiel bringt.

Im Film trägt das Setting einer Szene viel zur Charakterisierung einer Person, einer Handlung, einer Stimmung bei. Zitate von Schauplätzen und die kollektive Erinnerung an Filme sind bevorzugte Mittel, die Martina Sauter (1974, D) deshalb bei ihren fotografischen Arbeiten verwendet. „Sterns Residence", (2006) und „Pool" (2013) zeichnen sich durch einen gegensätzlichen Verweis auf „Natur“ aus. Einmal ist es eine ländlich-rustikale Szene mit Holzbeige, einmal ein luxuriös-villenmässiger Pool mit exotischen Planzen. Beides sind irgendwie Stereotype, die einerseits von UrsprĂĽnglichkeit, ländlicher Idylle oder einfachem und hartem Leben erzählen. Andererseits mutiert die domestizierte Natur zum Statussymbol. Da wir Fotografien immer auch als angehaltene Zeit verstehen gibt es unweigerlich ein Vorher und ein Nachher, welches das Bild nicht zeigt, das aber als  Atmosphäre enthalten ist. Bei Martina Sauter, die den filmischen Suspens in der Fotografie meisterhaft beherrscht, erzeugt die Spannung unweigerlich Vorstellungen von sozialen und gesellschaftlichen Träumen und Alpträumen.

Krächzt der Ortalis Ruficauda, ein für Venezuela typischer Vogel, sein ka-ka-rak-ka öffnen und schliessen sich rhythmisch dunkle Spalten zwischen einzelnen Farbfeldern. Es ist, wie wenn in Magdalena Fernández' (*1964, VE) Video „2pmTG010", 2010 für kurze Momente ein Schleier angehoben und der Blick auf eine andere Wirklichkeit freigegeben würde. Vordergründig sieht es wie ein leicht durchschaubares Spiel aus. Das Kürzel „TG“ im Titel, eine Anspielung auf den Uruguayischen Künstler Torres García und damit auf dessen ästhetische Bewegung des konstruktivistischen Universalismus, bringt allerdings zusätzliche Ebenen mit ins Blickfeld. Etwa seine Utopie einer Versöhnung des Menschen mit dem Kosmos oder die Vision einer unpersönlichen Kunst, die von Magdalena Fernández dekonstruiert und ins Hier und Jetzt zurückgeholt wird. Indem sie etwa, wie im gezeigten Video, die geometrischen Farbfelder mit einem den Vögeln abgelauschten Rhythmus zum Tanzen bringt. Die ebenso ironische wie poetische Färbung, welche ihre Auseinandersetzung mit der lateinamerikanischen Tradition der geometrischen Abstraktion auszeichnet, ist dabei kaum zu übersehen.

Bei allen ausgewählten Arbeiten haben unterschiedliche konzeptuelle Ăśberlegungen dazu gefĂĽhrt, Natur als vielschichtiges Zeichen mit zu reflektieren. Sei es als Gegensatz zu etwas, als verbindendes Element, als Symbol, als Metapher. Nicht die Natur als solches, sondern wie schon eingangs erwähnt ist es der Begriff Natur, der als Teil eines Bedeutung erzeugenden Sprachsystems ein Nachdenken auslösen kann, das weit in einen komplexen und widersprĂĽchlichen Kunst- und Gesellschaftsalltag hinein stösst.                                         Elisabeth Gerber

 

> English version

 â€śLes Ă©chos de la nature” (Echoes of Nature)
Omar Alessandro - Magdalena Fernández - Colin Guillemet -
Pieter Laurens Mol - Ana Roldán - Martina Sauter

15.3. – 17.4.2014
Opening: Friday 14.3.2014, 6pm

This group exhibition continues annex14’s loose series of thematic presentations.

“Les échos de la nature” raises the question of the presence and significance of “nature” in contemporary works of art. Generally speaking, nature and art have always been a controversial couple. For a long time nature was considered to be art’s signpost. Mimesis, imitation of nature, is a concept whose philosophical, aesthetic and theoretical implications are still relevant in art and culture today. Yet the insoluble paradox is that when we speak of nature we are actually only speaking about nature; attributions are all there is. We idealise, deconstruct, paraphrase, romanticise or copy it. This applies to both older art history and where nature is used directly as material – for example, in Land Art in the 1970s, when Richard Long laid out his stone circles in the wilderness. It also applies to the 1990s, when Damian Hirst preserved a tiger shark in formaldehyde and shocked viewers. And it still applies today. Nature is always a cipher, a metaphor, within a comprehensive sign system which we use to represent the world, reality, and to comment on and interpret it.

As hinted at by the title “Les échos de la nature”, the focal point here is not nature but its “echo” as a metaphor, a cipher, a symbol of society and in the art context.
Rainbow (2011) by Colin Guillemet (*1979, F) is a series of seven Polaroids, while The Parrot is the Message (2011) is a colourful sock sitting on a bare branch. Both works conjure up a bright bouquet of ideas. They stage artistic implementation as a magic trick and appeal to viewers’ imagination, casually implicating them as accomplices. The artist seems, with almost childlike delight, to be using simple means to breathe an art-philosophical dimension into natural phenomena, vegetables and parrots.

A bird’s nest is for hatching eggs in. At least that is what birds do there. Presumably an empty nest in an art space, complete with a little bell, awakens a longing for birdsong, for woods and meadows. Omar Alessandro (*1979, CH/I) entitles a work of his dated 2013 I’m Calling From, leaving open the questions of who is calling whom from where; who is missing, seeking or would like to talk with whom. Similar allusions to safety, emptiness, loss and lostness are also to be found in Berceuse (1985), a photograph by Pieter Laurens Mol (*1946, NL). In it we see an empty bird’s nest, but also painted orange rectangles that contrast with the organic and so evoke further layers of meaning. Like the pot with the miserable rose tree under the arm of the artist, who at the same time is poking his head into an ivy shrub. Does the pot in Transfusion (1984) stand for the head, and if so, just how artificial would the thought-shoots be that spout from human imagination? The relationship between civilisation and nature, even in its most domesticated form, is also a theme in Wilting Paradisiaca (2013/14) by Ana Roldán (*1977, MX/CH). In this contemplative work, nature, or rather what is apparently natural, becomes a set of socially multifaceted signs. On the one hand, there is a process which in itself is natural: the slow wiling of a banana blossom that invites us, like a Baroque memento mori still life, to think about transience. On the other hand, we know bananas from supermarkets, a context that inevitably brings the idea of profit-optimised food and economic systems into play.

In a film, the setting for a scene makes a significant contribution towards characterising a figure, an action, a mood. Citations from film-scenes  and the collective memory of films are means that Martina Sauter (*1974,D) likes to use in her photographic works. Sterns Residence (2006) and

Pool (2013) make clearly opposing references to “nature”. One is a rural-rustic scene with a pile of wood, the other a luxurious villa-like pool with exotic plants. Both are in a way stereotypes that speak about naturalness, the rural idyll or the simple hard life. At the same time, domesticated nature is turned into a status symbol. Given that we always regard photographs as interrupted time, there is undeniably a before and after not shown in the image but contained in it as an atmosphere. Martina Sauter skilfully masters filmic suspense in photography. The tension in her works invariably conjures up ideas of social and societal dreams and nightmares.

When the Ortalis Ruficauda, a bird typical of Venezuela, croaks, a colour grid moves in rhythmic harmony. In the video 2pmTG010, 2010 by Magdalena Fernández (*1964, VE) it is as if a veil is lifted for a few moments, enabling an unimpeded glimpse of another reality. On the surface this is an easily recognised game which, through carefully chosen pointers, gives rise to reflection that is both poetic and critical: reflection on the visual and geometrical abstraction so important for Venezuela, and proceeding from there to the question of the possible significances or influences of a rhythm borrowed from nature.

The different conceptual considerations in all these works take nature into account as a multilayered sign, be it the opposite of something, a binding element, a symbol or a metaphor. Yet it is not nature as such, but the above-mentioned concept of nature that, as part of a meaning-giving linguistic system, can engender a thinking that makes great inroads into a complex and contradictory everyday that is both artistic and social.

Elisabeth Gerber

 

 

 

 

annex

 


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