Ana Roldán - Take Position: Bodies and Plants

Vernissage: Do. 29.1.2015, 18h
30.1.-8.3.2015

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annex14 zeigt mit der Ausstellung Take Position: Bodies and Plants vier neue Werkgruppen von Ana Roldán. Die 1977 in Mexiko geborene Künstlerin setzt sich in den 2014/15 entstandenen Arbeiten mit den Wechselwirkungen zwischen Natur und Kultur, sowie mit der Frage auseinander, inwiefern sich die Positionen von Geist und Körper gegenseitig beeinflussen.

Auf grauem Asphalt bewegt sich der Schatten einer flatternden Flagge. Die beinahe gänzlich in verschiedenen Graustufen gehaltene Video-Aufnahme ist unterlegt mit dem von tanzenden FĂĽssen gesteppten Takt eines mexikanischen Volksliedes. Das gibt einen Anhaltspunkt, wo der ansonsten universal gĂĽltige Schattenriss lokal zu verorten sein könnte. Das Video wurde im Gliedstaat Guerrero in Mexiko aufgenommen, just in jenem Staat also, in dem die EntfĂĽhrung von 43 Studierenden eines Lehrerseminars im September 2014 Schlagzeilen machte. Die  Untersuchung zeigte deutlich die Verstrickungen zwischen organisiertem Verbrechen, Polizei und Politik, und die Betrachtung des Videos ruft dieses unterschwellig präsente Wissen hervor. Während wir eine Flagge unweigerlich als Symbol fĂĽr eine wie auch immer zusammengesetzte Gemeinschaft lesen, fĂĽhrt die leere Schatten-Flagge das Konzept der Einung ad absurdum und stellt das GefĂĽhl des Abgetrennt-Seins der Menschen in einer zersplitterten Gesellschaft unter ein eigenes Banner.

Wie das Medium Video so ist auch das an die Wand gekleisterte Plakat ein Medium der Politik: Beide können der flächendeckenden Verbreitung von politischen Inhalten dienen und sind im Stadtbild omnipräsent. In den unregelmässig an der Wand angebrachten Plakaten spielt Roldán mit den verschiedenen Bedeutungen von 'position' und fächert die Mehrdeutigkeit des Wortes auf, welche auch im Titel der Ausstellung bereits mitschwingt; 'Position' kann eine physische Stellung im dreidimensionalen Raum, die Pose eines Körpers oder aber eine Geisteshaltung meinen. Roldán spricht mit den wie zufällig platzierten Wortbahnen auf spielerische Art und Weise ein grundlegendes Problem der Philosophie an, nämlich die Frage danach, wie es von einer Geistes- zu einer Körperhaltung kommen kann und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. In Zusammenhang mit der Video-Arbeit stellt sich damit auch die Frage, ab wann sich eine innere Haltung in einer Konstellation von Körpern auf der Strasse manifestiert.

Die drei im Raum platzierten Skulpturen strahlen eine merkwürdige Anwesenheit aus. Die mit Stoff bespannten Körper evozieren das Gefühl, dass etwas Lebendiges vor Ort ist, sind aber gleichzeitig nur Repräsentationen einer menschlichen Präsenz. Wir erkennen in den Biegungen und Kurven der gepolsterten Figuren zwar übereinandergeschlagene Beine oder sich aneinanderschmiegende Körper, diese vermeintliche Ruhe der anthropomorphen Positionen kann allerdings in wenigen Schritten zerstört werden: Aus einem anderen Winkel verliert sich jegliche Menschlichkeit und dem Blick bietet sich einzig eine gestrenge abstrakte Skulptur dar. So changieren die Skulpturen zwischen organisch und technisch und bewahren sich doch eine nicht richtig fassbare Anmutung von Präsent-Sein. Durch den Einsatz von verschiedenen Textilien unterstreicht Roldán diesen Aspekt des Zwitterhaften noch: während wir die Stoffe zum Einen klar als menschengemacht erkennen, verknüpfen wir sie als zweite Haut auch immer mit dem Menschen selbst – die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur verwischt.

In den dreissig Fotogrammen schlägt sich Roldáns Interesse am Gegensatz zwischen natürlich gewachsenen und vom Menschen gebauten Formen nieder: Während sich der Mensch oft Formen der Natur aneignet und diese für Design und Kunst synthetisiert und abstrahiert, lässt Roldán die natürliche Form selbst Bild werden: Sie bringt organische Objekte wie Kokosnüsse ins Fotolabor, wo sich diese beinahe wie von selbst in die fotografische Oberfläche einschreiben. So präsentiert sie uns indexikalische Abdrücke von Kokosnüssen, mit denen sie wiederum künstliche und konstruierte Anordnungen bildet und sie so in den Kontext der abstrakten Malerei stellt. Die Grenze zwischen organischer Gewachsenheit und zielgerichteter Herstellung durch den Menschen wird unscharf und bleibt auf der Kippe. Durch das Medium des Fotogramms – das einzige Medium, das es einem Objekt erlaubt, sich selber abzubilden – wird diese Wechselwirkung abermals akzentuiert.

In Take Position: Bodies and Plants greift Roldán Themen auf, mit denen sie sich in ihrer künstlerischen Arbeit schon länger auseinandersetzt und schafft so eine vielschichtige Ausstellung, in der politische Ereignisse ebenso anklingen wie die philosophische Frage nach der Dualität zwischen Geist und Körper.

Sarah Wiesendanger

Ana Roldán  - Take Position: Bodies and Plants

Opening: 29.1.2015, 6 pm
30.1.-8.3.2015

With the exhibition “Take Position: Bodies and Plants”, annex14 is showing four new groups of works by Ana Roldán, who was born in Mexico in 1977. These works date from 2014/2015 and in them the artist engages with the interactions between nature and culture and with the question of the extent to which positions taken by mind and body mutually affect each other.

The shadow of a flag flutters against a backdrop of grey asphalt. The video recording, almost totally in different grey nuances, is accompanied by the beat of feet dancing to the rhythm of a Mexican folksong. It is this that provides an indicator of where the otherwise universally valid flag outline might be located.

The video was made in the member state of Guerrero in Mexico, i.e. the state where the abduction of 43 students from a teacher training college made headlines in September 2014. The subsequent investigation clearly pointed to involvement of organised crime, the police and politicians, and this subliminally present knowledge is evoked by the video. Whereas a flag is seen necessarily as a symbol of a community of some kind, the empty shadow of a flag makes a mockery of the concept of union and forms a banner of its own for people’s feeling of being separated in a splintered society.

Like the video medium, the wall poster is also a political medium: both are capable of promoting the widespread dissemination of political ideas and both are omnipresent in our cities. By placing the posters irregularly on the wall Roldán plays with the different meanings of “position”, fanning out the scope of the term, something that also resounds in the exhibition title: Position can be a physical position in three-dimensional space, a body pose or an attitude or mind-set. Roldán playfully addresses a basic problem of philosophy through her bands of words, namely, the question of how one proceeds from a mental to a physical attitude, and what the relationship is between them. In the context of her video work, therefore, the question also arises as to the point at which an inner attitude becomes manifest in a constellation of bodies on the street.

The three sculptures arranged in the room exhibit a strange presence. Covered in fabric they evoke the feeling of being confronted with something living, yet at the same time they are only representations of a human presence. In the bends and curves of the upholstered figures we may well recognise crossed legs or bodies snuggling up to one another, but the supposed peace of the anthropomorphous positions can be destroyed by taking just a few steps: seen from another angle, this humanity gets lost and what the eye sees is simply a strict abstract sculpture. The sculptures thus hover between the organic and the technical, while still preserving an aura of presence that is difficult to fully grasp. This hybrid aspect is underscored by the use of different textiles: while we recognise the fabrics on the one hand as evidently man-made, on the other, we always link them, as a second skin, with a person – and the distinction between nature and culture becomes blurred.

The thirty photograms also reflect Roldán’s interest in the opposition between forms that grow naturally and man-made forms. While man often appropriates forms from nature, syntheticizing and abstracting them for the purposes of design and art, Roldán enables the natural form to itself become an image: she brings organic items like coconuts into the photo laboratory where, as if by themselves, they become inscribed in the photographic surface. She thus presents us with indexical impressions of coconuts with which she then form

artificial and construed arrangements thereby putting them in the context of abstract painting. As a result of his human activity, the border between organically grown and deliberate production becomes unclear and volatile. This interaction is further underscored by the very medium of the photogram – the only one that enables an object to depict itself.

In the works in “Take Position: Bodies and Plants” Ana Roldán thus addresses themes with which she has been preoccupied for some time, creating a multi-layered exhibition in which not only political events reverberate, but also the philosophical question of the duality of mind and body.

Sarah Wiesendanger

annex

 


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