Eva Barto, Trafic, 2014
JesĂşs Alberto Benitez, Untitled, 2014

Eva Barto – Jesús Alberto Benitez

6.12.2014-24.1.2015
Vernisssage: Fr. 5.12.2014

annex14 freut sich mit der Doppelausstellung von Eva Barto (*1987, FR) und Jesús Alberto Benitez (*1978, VE) zwei junge in Frankreich lebende Kunstschaffende erstmals in der Schweiz zu zeigen. Im installativen Zusammenspiel von Kontext und Werk entstehen bei Eva Barto mehrdeutige Situationen, welche die Vorstellungen von Kunst und Realität, von Fiktion und Alltag zum Oszillieren bringen. Die reduzierten Arbeiten von Jesús Alberto Benitez hingegen, seine Fotografien und Zeichnungen, gleichen einer poetischen Erkundung von Raum, Zeit, Material, Zufall und Bildrealität.

In seinem 1957 erschienen Buch „La poétique de l’espace“ (1) beschäftigt sich Gaston Bachelard mit der dichterischen Einbildungskraft, deren Bilder er nicht als Echo aus der Vergangenheit begreift. Vielmehr werden durch das Erscheinen eines Bildes im Bewusstsein Echos in der fernern Vergangenheit geweckt. Gastons Plädoyer für den Augenblick der Bildentstehung, die dem Bild seine Autonomie und eine beunruhigende Tiefe und Welthaltigkeit zugestehen, erhält bei Jesús Alberto Benitez eine neue Aktualität. Sein Denken und seine künstlerische Arbeitsweise sind von konzeptuellen Überlegungen geleitet, die offen bleiben gegenüber dem Unvorhergesehenen, gegenüber dem Moment. Gerade die Zeichnungen von 2014, eine Art Antwort auf die früheren Malereien, bei denen die Bedeutung von Prozess und Zufall für die Bildentstehung stark dominierten, bestechen durch ihre Balance von Präzision, Minimalismus und sicherem Gestus. Die wenigen sich unterschiedlich schneidenden meist geraden Linien sind in der Schwebe gehalten. Sie haben eine Offenheit, die sie sich selber sein lässt und die sie dennoch durchlässig macht für unterschiedliche Assoziationen. Solche Zeichnungen wirken in die Tiefe hinein. Sie sind selbstreflexiv, was das Medium betrifft und sie reflektieren den schöpferischen Prozess. Ihr pendeln zwischen Zwei- und Dreidimensionalität provoziert allgemeine Erfahrungen von Nähe und Distanz, von Raum, Zeit, Linie und Fläche. Und ihre Ästhetik, ihre formalen Besonderheiten spielen uns Echos aus der Vergangenheit zu, welche Zeit und Raum eine spezifische Färbung oder Bedeutung geben.

Auch die neuen Fotografien von Jesús Alberto Benitez sind in ihrer kompositorischen Organisation unabhängig. Als Abbild von etwas referieren sie gleichzeitig auf schon Vorhandenes, auf Studiosituationen etwa oder wie zum Beispiel in „Derivéé“ (2013) auf Ausschnitte von Abbildungen. Hier sind es Zeichnungen von Richard Serra, die in sich schon die Grenzen des zweidimensionalen Mediums sprengen. Deutlich wird dabei das räumlich-plastischen Zusammenspiel verschiedener Realitäten bis in den realen Raum hinein, etwa durch die sorgfältige Hängung. Hier schwingt das Interesse des Künstlers für das Transitorische mit, dafür wie sich die Dinge, Materialien und Bedeutungsebenen überlagern und verschieben lassen.

Wie bei Jesús Alberto Benitez sehen wir auch bei Eva Bartos Werk, wie sich Grenzen transformieren, wie Zwischenräume sich in den Mittelpunkt schieben und wie Ephemeres die Wahrnehmung herausfordert. Liegt bei Benitez die Intensität im Visuellen, im Bildhaften, das sich der Sprache im ersten Augenblick entzieht, haben Bartos räumliche Settings prima vista eine verspielt erzählerische Ebene. Sofern man, und hier liegt das Besondere ihres künstlerischen Ansatz, die Kunst denn auch sieht. Für Eva Barto sind Kunsträume, also auch die Galerie, Territorien, in denen alles verhandelt werden kann und muss, in denen Vorstellungen von Kunst und Nichtkunst vielfältig befragt werden sollen. In der aktuellen Ausstellung entstehen erste Irritationen dadurch, dass im Raum selber Veränderungen vorgenommen wurden, die eher subkutan wirken. Des Weiteren liegen oder hängen Arbeiten, wie "Ownership in crisis", (2013) oder "II IIII", (2013) da wie vergessene Überreste vergangener Ereignisse. Andere Arbeiten machen es schwierig, zwischen rein funktionalem Mobiliar und Kunstobjekt zu unterscheiden. Die Beziehungen zwischen Kunstwerk, Publikum und Galerie sind nicht festgeschrieben, sondern immer wieder neu zu verhandeln und für Eva Barto deshalb wichtiger Bestandteil des Werkes selber. Es geht also nicht um eine im traditionellen Sinne rein skulpturale oder installative Praxis.

Eva Barto spielt mit der Realität des Werkes und des Raumes, sie jongliert permanent zwischen Konstruktion und Dekonstruktion und verhindert auf abgrĂĽndige Weise, manchmal auch mit einem Augenzwinkern, dass deren Status ĂĽberhaupt noch festgeschrieben werden kann. Insofern  geht es gleichzeitig um ganz grundsätzliche Fragen: zu den Bedeutungen und Auswirkungen von Grenzziehungen, zu Macht und Status und zur gesellschaftlichen Rolle von Kunst.                                                                              Elisabeth Gerber

(1) Gaston Bachelard, La poétique del’espace, Presses Universitaires de France, 1957

 

Eva Barto – Jesús Alberto Benitez

6.12.2014 – 24.1.2015
Opening: Fri., 5.12.2014

annex14 is delighted to present a double exhibition of works by Eva Barto (*1987, FR) and Jesús Alberto Benitez (*1978, VE), two young artists who live in France and are exhibiting in Switzerland for the first time. Eva Barto’s installative interplay between context and work creates ambiguous situations that confuse our ideas of art and reality, fiction and the everyday. By contrast, Jesus Alberto Benitez’ reduced works, his photographs and drawings, resemble a poetic exploration of space, time, material, chance and pictorial reality.

In his book La poétique de l’espace, published in 1957, Gaston Bachelard deals with the poetic force of the imagination, whose images he did not regard an echoe from the past. It was instead the appearance of an artwork that awakened in our consciousness echoes of the distant past. Gaston’s advocacy of the moment of the image’s genesis, which grants it autonomy and an unsettling depth and worldliness, takes on a new topicality in the work of Jesús Alberto Benitez. His way of thinking and of working are guided by conceptual considerations which remain open to the unexpected, the moment. His 2014 drawings in particular, as a kind of response to his earlier paintings which were dominated by the importance of process and chance for their genesis, captivate us through their balance between precision, minimalism and gestural assurance. The few, mostly straight, lines, which cut at different points, are kept hovering and their openness enables them to be themselves, yet also makes them amenable to different associations. Drawings like these go deep, are self-reflective regarding the medium and mirror the creative process. Their oscillation between the two- and the three-dimensional prompts general experiences of proximity and distance, space, time, line and plane, while their formal aesthetic features provide us with echoes from the past that give time and space a specific nuance or meaning.

The compositional organisation of the new photographs by Jesús Alberto Benitez is also quite independent. As depictions, they simultaneously refer to something that is already there, to studio situations, for example, or to excerpts from other depictions, as in Derivée (2013). Here they are drawings by Richard Serra, which in themselves already stretch the limits of the two-dimensional medium. What clearly emerges is the spatial-plastic interplay of different realities in real space, for example, as a result of careful hanging. The artist’s interest in the transitory, in how things, materials and levels of meaning become superimposed or shifted, reverberates here.

As in the case of Jesús Alberto Benitez, in Eva Barto’s work we also see how borders are transformed, how intermediary spaces shift into focus and how the ephemeral challenges perception. While in Benitez the intensity is in the visual, the pictorial, which at first sight eschews language, Barto’s spatial settings initially exhibit a playful narrative level to the extent that one can distinguish the art. This is where the artist’s particular approach comes into play. Eva Barto regards art spaces, i.e., also the gallery, as territories where everything is up for negotiation, where ideas about art and non-art are questioned in various ways. In this exhibition the first irritations arise because changes of a more covert nature have been made to the space itself. Works like Ownership in crisis (2013) or II IIII (2013), moreover, lie or hang here like forgotten remnants of past events. Other works make it difficult to distinguish between purely functional furnishings and art object. The relations between artwork, audience and gallery are not fixed, they are being constantly renegotiated and therefore, in Eva Barto’s, view an important component of the work itself. Her praxis is not purely sculptural or installative in the traditional sense.

Eva Barto plays with the reality of the work and the space, juggles constantly with construction and deconstruction, and so prevents their status from ever being fixed, sometimes enigmatically, sometimes with a wink to the viewer. To this extent, she is also concerned with very fundamental issues, like the significance and impact of drawing boundaries, power and status, and the social role of art.

annex

 


©  19.12.2014 annex14, info(at)annex14.com